| Von Ellen Schriek und Hans-Walter Schmuhl.
Die Tarahumara oder Rarámuri leben im Nordwesten Mexikos in
der Sierra Madre Occidental, auch "Sierra Tarahumara" genannt.
Obwohl es ihnen über vier Jahrhunderte hinweg gelungen ist, ihre
Kultur im Kern zu bewahren, ist ihre wirtschaftliche, soziale und kulturelle
Existenzgrundlage heute akut bedroht. Die offene Landrechtsfrage, der
Raubbau an den Wäldern und der Terror der Drogenmafia drohen zu einem
Ökozid auszuwachsen. ....
n der Sierra
Madre stehen sich - nach den letzten Volkszählungen - etwa 250.000
bis 300.000 Mestizen und etwa 100.000 Angehörige indigener Völker
- Tarahumara, Tepehuanes, Pimas Bajos Serranos und Guarijíos -
gegenüber. Mit 70.000 bis 80.000 Menschen bilden die Tarahumara die
größte indigene Ethnie. Große Teile ihres Siedlungsgebiets
wurden im Zuge der Mexikanischen Revolution zum "Nationalbesitz"
erklärt und - als ejidos forestales - von der Regierung den Anrainern
zur Nutzung überlassen.
Die
"ejidatarios" sind im Besitz eines unveräußerlichen
Landtitels und betreiben gemeinsam ein Unternehmen, z.B. ein Sägewerk,
in dem das in den Wäldern des ejido geschlagene Holz verarbeitet
wird. In den ejido-Verwaltungen dominieren häufig mestizische Kaziken.
Die Interessen der Tarahumara bleiben meist unberücksichtigt, selbst
da, wo sie die große Mehrheit der ejidatarios stellen. Sie profitieren
daher kaum von der Holzwirtschaft. Die Gewinne fließen, sofern sie
überhaupt der ortsansässigen Bevölkerung zugute kommen,
in die Taschen der Mestizen. Auch die Arbeitsplätze in der Holzverarbeitung
bleiben den Tarahumara zumeist verschlossen.
Auf der anderen Seite treffen die ökologischen Folgen die Indigenen
mit voller Härte. Die Urwälder der Sierra Tarahumara - das Ökosystem
mit der größten Artenvielfalt in Nordamerika - werden wenn
der Kahlschlag in demselben Tempo weitergeht, binnen weniger Jahre vernichtet
sein. Hunderte von Pflanzenarten, die als Heil- und Nutzpflanzen in der
Kultur der Tarahumara eine Rolle spielen, sind vom Aussterben bedroht.
Noch schwerer wiegt, dass die Bodenerosion verheerende Ausmaße annimmt.
Große Teile des landwirtschaftlich nutzbaren Bodens sind schon verlorengegangen.
Hinzu kommt eine anhaltende Dürre, die durch die Vernichtung der
Wälder mit bedingt ist, so dass die landwirtschaftlichen Erträge
drastisch zurückgegangen sind. 1994 gab es in der Sierra die ersten
Hungertoten.
Ein weiteres
ökologische Problem ist die Wasserverschmutzung. Die Abwässer
der Papiermühlen werden ungeklärt in die Flüsse und Seen
der Sierra Tarahumara geleitet. Der Lago Bustillos, einer der größten
Seen in Chihuahua, ist bereits biologisch tot. Die Verunreinigungen lösen
bei den Menschen, die auf das Wasser angewiesen sind, Krankheiten aus
und haben eine erhöhte Kindersterblichkeit zur Folge. Mittlerweile
haben die Tarahumara angefangen, gegen den Kahlschlag ihrer Wälder
Widerstand zu leisten, so etwa in der Siedlung Coloradas de la Virgen.
Anfang 1993 begannen zwei forstwirtschaftliche Unternehmen, in den Wäldern
dieser Gemeinde illegal Holz zu schlagen. Die Weltbank stellte - trotz
ihrer erklärten Politik, keine Projekte zu unterstützen, die
zur Zerstörung von Urwäldern beitragen - einen Kredit zum Bau
einer Straße nach Coloradas de la Virgen zur Verfügung. Seit
1991 sind mindestens 35 Tarahumara, die ihr Land gegen die Invasion der
Holzindustrie verteidigten, von Killerkommandos getötet worden. Auch
das benachbarte Pino Gordo ist bedroht.
ie Bildung einer
nordamerikanischen Freihandelszone durch das North American Free Trade
Agreement (NAFTA) im Jahre 1993 hat zu einem Investitionsboom der US-amerikanischen
und kanadischen Holzindustrie im Norden Mexikos geführt. Entgegen
allen Absichtserklärungen und Einzelbestimmungen der NAFTA zum Schutz
der Umwelt und trotz der in den letzten Jahren verstärkten Anstrengungen
Mexikos im Bereich des Umweltschutzes - z.B. im Rahmen des Abkommens über
grenzüberschreitende Umweltprobleme von La Paz (1983) - führt
die neue Freihandelszone zu einer deutlichen Zunahme der Umweltschäden.
Außerdem zerstört sie die einheimische Holzindustrie. Der Konkurrenz
der neuen Holzfabriken sind die veralteten Sägemühlen der ejidos
nämlich nicht gewachsen.
Zunehmend
schließen ejidos Konzessionsverträge mit Privatunternehmen
ab oder verkaufen ihr Holz unter Preis an die Papiermühlen multinationaler
Firmen. Die Versuchung wächst, ejido-eigene Waldflächen an die
Holzkonzerne zu verkaufen. Denn mit der Verfassungsänderung von 1992
hat die Regierung die legale Möglichkeit zur Privatisierung von ejido-Land
geschaffen, um den ländlichen Raum für in- und ausländisches
Kapital zu öffnen. Schon haben kanadische Firmen ihr Interesse an
ejido-eigenen Waldflächen in der Sierra Tarahumara signalisiert.
Damit ist der Ausverkauf der indigenen Territorien vorprogrammiert.
Dabei mischen die mexikanischen Drogenkartelle kräftig mit. Mexiko
ist selbst ein bedeutendes Anbaugebiet von Cannabis und Schlafmohn und
zugleich Durchgangsstation für Kokain südamerikanischer Herkunft.
An der Nordgrenze sind die "narcotraficantes" oder "narcos"
eine Macht. Hier verfügen sie über ausgedehnte Ländereien,
die ihnen als Schmuggelbasis dienen, und kontrollieren weite Landstriche.
Deshalb wird das tägliche Leben der Tarahumara selbst in entlegenen
Gemeinden von Auseinandersetzungen mit der Drogenmafia überschattet.
Viele Indigene werden durch massive Drohungen gezwungen, auf ihrem Land
Drogen anzupflanzen. Ihnen droht Gefängnis, wenn die Behörden
sie der Komplizenschaft mit den Drogenhändlern beschuldigen, Folter
und Mord, wenn sie es wagen, sich den narcos zu widersetzen. So bleibt
ihnen oft keine Wahl: Da Justiz und Polizei sie nicht schützen können,
geben sie dem Terror der Drogenmafia nach.
er Zangengriff
der Drogenmafia und der internationalen Holzindustrie droht, die Existenzgrundlagen
der Tarahumara zu zerstören. In der Sierra werden die neuerdings
in der mexikanischen Verfassung verankerten Grundrechte der indigenen
Völker auch weiterhin grob verletzt. Zunehmend jedoch beginnen die
Tarahumara, ... ihre Rechte einzufordern, um den Ökozid in der Sierra
Madre aufzuhalten.
erschienen in pogrom, zeitschrift für bedrohte Völker, Nr.
187, Feb./März 1996, 27. Jahrgang
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