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Seit zwei Wochen sind wir im Norden von Mexiko. Wir besuchen unsere Freunde
von der Menschenrechtsorganisation Asociación Sierra Madre, die
sich für die Belange der indigenen Völker in der Sierra Madre
einsetzt. Zuerst sind wir von Ciudad de Juarez mit dem Bus nach Chihuahua
gefahren, in das Zentrum unserer Kooperationspartner. Gemeinsam haben
wir an einer anstrengenden internationalen Menschenrechts- und Naturschutz-Konferenz
in Hermosillo teilgenommen und freuen uns jetzt auf Abwechslung und neue
Eindrücke. Unsere Freunde werden wir erst in Creel wiedersehen.
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Gegen 16.30h sind wir in Creel. Hier trennt sich unsere kleine Gruppe. Die allein reisenden Rucksacktouristen steigen im Hotel Margarita ab (Insider-Special-Tipp: 20 Peso einschließlich Frühstück + Abendessen), ein Szene-Treff. Wir ziehen ins Hotel Nuevo, direkt gegenüber vom Bahnhof, unser Treffpunkt: ein schnuckeliges kleines Zimmer mit Holzofen, den ich sofort heiß und innig liebe, es wird abends empfindlich kalt in dieser Höhe. Im Missionsladen decken wir uns mit der neuesten Literatur zum Thema "Tarahumara" ein. Ich kenne diesen Laden schon von den letzten Besuchen, die uns jedesmal über Creel geführt haben. Jedes Jahr wird die Stadt touristischer und durch die vielen Hotels und immer größeren Anlagen auch ungemütlicher. Obwohl ich schon daran gewöhnt bin, befremdet es mich doch jedesmal aufs neue, dass sich einige Touristen mit den Tarahumara als exotische Fotoobjekte gegen ein Trinkgeld ablichten lassen. Menschenzoo. Spät erst kommen Edwin, ein bekannter Menschenrechts- und Umweltschützer, Alonso und Loreto. Die Begrüßung ist herzlich, nur Loreto - ein Tepehuan-Indianer - ist sehr zurückhaltend, schaut mich kaum an, spricht nicht mit mir. Nachdem wir ein Sixpack geleert haben, legen wir uns schlafen, schließlich wollen wir früh raus. Schon um 7.00h sitzen wir im Auto. Ich sitze zuerst hinten, Loreto setzt sich neben mich, steigt aber dann wieder aus, um sich vorne zwischen Alonso und Edwin zu quetschen. Dummerweise lasse ich mich zu einem Scherz hinreißen: Ich beiße nicht. Als Edwin nicht reagiert, weiß ich, dass es Mist war. Alle sind noch sehr ruhig. Wir fahren von Creel in Richtung Guachochi, um dann nach Agua Azul zu fahren, dem Rancho von Edwins Eltern. Wir verbringen den Rest des Tages mit dem Einkauf unseres Reiseproviants. Egal was wir einpacken, Edwin meint, das sei zuviel. Ich habe kein Maß, höre nicht auf Kajo, der meint, wir müssten viel mehr Wasser mitnehmen. Ich denke nur an das Gewicht, höre deshalb lieber auf Edwin. Etwas erstaunt bin ich über unsere Abreisezeit: Gegen 10.00h morgens wollen sie uns zum Rand des Canyons bringen. Ist es nicht eigentlich unter Wanderern üblich, so früh wir möglich aufzubrechen? Andererseits vertraue ich unseren Leuten, sie müssen ja schließlich wissen, was am besten ist, wo sie so oft die Barranca durchqueren. Nach zwei Stunden Fahrt mit dem Geländewagen sind wir dann auch genau zur Mittagszeit am Rand des Canyons. Die Sonne hat ihren höchsten Punkt erreicht als wir unsere Rucksäcke schultern: Vorsichtshalber haben wir zu unseren Schlafsäcken doch noch ein kleines Zelt mitgenommen, um uns vor den größeren und kleineren unangenehmen Gästen (von Schlangen über Skorpione bis hin zu Moskitos) zu schützen.
Keine zwanzig Minuten nach unserem Start beginnen meine Beine zu zittern, jetzt nur nicht schlapp machen, vielleicht einen Moment ausruhen. Ich will mich auf einen Stein setzten - als nächstes erinnere ich mich an Kajos besorgtes Gesicht, er gießt etwas Wasser über meinen Kopf, gibt mir zu trinken. Oh, ist mir das peinlich, mein Kreislauf hat sich verabschiedet. Für so anfällig hätte ich mich nicht gehalten, schließlich hatte ich vorher ausgiebig trainiert. Loreto sagt nichts dazu, was mir auch ganz lieb ist. Das war wohl doch die falsche Zeit zum Aufbruch. Ganz schnell wird uns klar, das wir mit unserem Wasservorrat extrem haushalten müssen, weil wir einen ganz anderen Verbrauch haben. Mit einem nassen Tuch um den Kopf geht es einigermaßen. Kajo sieht sehr besorgt aus. Nach zwei Stunden finden wir Schatten unter einem Felsen zum Ausruhen. Die Landschaft ist überwältigend: steile schroffe Felsenwände, unter uns die tiefe Schlucht. Von oben wirkt der Rio Verde wie ein Bach. Sechs Stunden gehen wir steil bergab, dann brauchen wir noch ca. eine Stunde, um den Fluß zu erreichen. Loreto füllt hier sein Tetrapack wieder auf, er kann das Wasser ohne Bedenken trinken. Wir trauen uns nicht, gönnen uns nur ein paar Schluck aus unserem geringen Vorrat wo wir eigentlich Liter trinken könnten. Und das alles ist meine Schuld, (hätte ich auf Kajo gehört, der schon oft ähnliche Bergtouren gemacht hat). Nichtmal zum Abkochen haben wir etwas dabei. Noch nie habe ich so einen Durst gehabt. Eigentlich wollten wir einen Tag im Canyon relaxen, um dann den Aufstieg mit frischen Kräften anzugehen. Aufgrund unserer Wassersituation wollen wir uns schon am nächsten Morgen ganz früh auf nach Pino Gordo machen. Wir waten durch das hüfthohe Wasser, um auf der anderen Seite im Sand unser Zelt aufzubauen. Hunger habe ich nicht, nur tierischen Durst. Vor dem Schlafengehen mache ich noch wunderschöne Fotos vom Sonnenuntergang, von verlassenen Felsenhöhlen, wo die Tarahumara ihr Winterlager hatten etc. Loreto schläft im Freien. In der Nacht mache ich kaum ein Auge zu, vor Durst, vor Überanstrengung, vor lauter Gedanken um den morgigen Aufstieg. Außerdem finden mehrere Esel unseren Schlafplatz auch sehr interessant, ihre Geräusche lassen uns immer wieder aufschrecken. Am nächsten Tag packen wir bei Sonnenaufgang unsere Sachen zusammen, etwas zu Essen bekomme ich kaum durch den Hals, habe nur Durst. Hoffentlich schaffe ich den anstrengenden Aufstieg und hoffentlich halte ich die Männer nicht unnötig auf, hoffentlich klappe ich nicht wieder zusammen. Sofort geht es steil bergauf, immer wieder fotografiere ich, einerseits um eine kleine Verschnaufpause zu haben und andererseits, weil die Natur und die Landschaft überwältigend ist. Ich würde sie gern mehr genießen können. Ein wenig verunsichert mich, daß Loreto eine Tarahumarafamilie, die ihr Winterquartier noch nicht verlassen hat, nach dem Weg fragt. Er sei erst einmal diesen Weg gegangen, meint er. Als wir an einem kleinen Rinnsal vorbeikommen, trauen wir uns wieder nicht zu trinken: da wir erst am Anfang unserer Reise sind und uns nicht dadurch außer Gefecht setzen wollen. Ich fülle eine Wasserflasche auf, um wenigstens jederzeit mein Kopftuch naß machen zu können. Die Sonne ist heute kaum ein Problem, hauptsächlich führt unser Weg durch bewaldetes Gelände. Die Distanz zwischen den Männern und mir wird immer größer. Oft müssen sie auf mich warten, ruhen sich dabei aus. Wenn ich dann aufgeholt habe, geht's weiter. Leichtfüßig kommt uns eine Tarahumara-Mutter mit ihrer kleinen Tochter entgegen. Obwohl sie barfuß gehen, scheint ihnen der steinige Weg nichts auszumachen. Acht Stunden brauchen wir für den Aufstieg. Weil unser Wasser jetzt verbraucht ist, entschließen wir uns nach einer kleinen Pause zu versuchen, heute noch unser Ziel Pino Gordo zu erreichen. Unterwegs stoßen wir immer wieder auf unbewohnte Tarahumara-Gehöfte, kreuzen mehrere der illegal angelegten Landebahnen, mit denen die Narcos die Drogen außerlandes bringen. |
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Mit dem Dunkelwerden und mit unseren letzten Kräften erreichen wir Pino Gordo, ein entlegenes Tarahumara-Dorf. Eine Gruppe von Männern sieht uns interessiert entgegen. Über Funk sind wir angekündigt worden, allerdings für zwei Tage später. Nach einer kurzen Begrüßung stürzen wir uns auf Paulas kleinen Kiosk - sie ist zugleich die Lehrerin des Ortes - und kaufen ihre ganzen Vorräte an Coca-Cola und Sprite. Endlich, seit Stunden habe ich davon geträumt. Noch nie hat dieses süße Zeug so gut geschmeckt. An ihrem Holzofen können wir uns ein wenig aufwärmen, es ist acht Uhr und stockdunkel. Als Schlafstätte bekommen wir ein noch nicht fertiggestelltes Holzhaus zur Verfügung gestellt. Wir müssen unsere Schlafsäcke auf den feuchten eiskalten Lehmboden legen, nur eine Überlebensdecke dazwischen, die aber die eisige Kälte nicht abhalten kann. Die schlaflose Nacht scheint nie zu Ende zu gehen. Ich kann es kaum erwarten, mich von den ersten Sonnenstrahlen aufwärmen zu lassen.
Fünf Tage verbringen wir in Pino Gordo, noch nie war ich so lange in einem Tarahumara-Dorf. Ziemlich gemischte Gefühle haben mich in dieser Zeit begleitet: Es ist schon sehr interessant, "mittendrin" zu sein, die Menschen in ihrem Alltag zu erleben, über die ich schon so viel gelesen und gehört habe. Was ich aber während meiner vielen Auslandsreisen noch nie erlebt habe, ist das Desinteresse (oder gar die Ablehnung) der Menschen uns gegenüber. Die Frauen schauen meistens zu Boden, wenn sie an uns vorübergehen. Die Männer sind nicht ganz so verschlossen. Das "wie heißt du, woher kommst du, was machst du" was in Ägypten, Marokko, Ecuador oder auch anderen Teilen von Mexiko manchmal sogar nervt oder aufdringlich wirkt, fehlt mir jetzt. Ich frage Loreto, wie lange es denn dauern kann, um mit den Menschen in Kontakt zu kommen: mindestens zwei Tesgüinadas meint er lächelnd. Das Eis zwischen uns ist gebrochen. Beim Abendessen setzt er sich sogar neben mich. Ich lästere ein wenig und frage, warum er sich jetzt traut. Jetzt würde er mich ja kennen, sagt er ganz ernst. Paula hat für uns gekocht, das Hühnchen schmeckt vorzüglich, an ihrem Holzofen fühle ich mich wohl, denke mit Grauen an die bevorstehende kalte Nacht. Ganz langsam werden Paula - la maestra Paula, wie sie von allen Dorfbewohnern genannt wird - und ihr Ehemann Gumercindo auch gesprächiger: Sie erzählen uns vom Leben im Dorf, von den Traditionen der Tarahumara. Am letzten Tag darf ich Paula sogar in der Schule besuchen. Die Kinder freuen sich über diese Ablenkung vom Unterricht - das ist wohl in jeder Schule der Welt gleich. Die meisten Schulkinder haben schon einen zweistündigen Weg hinter sich, da die Familien weit entfernt leben.
Am Gründonnerstag-Abend kommen wir nach achtstündiger Fahrt endlich an der Lagune von Aboreachi an. Von hier aus - dem Wohngebiet der Mestizen - haben wir noch ungefähr zwei Stunden durch unwegsames Gelände vor uns, um zu dem von Tarahumara bewohnten Teil von Aboreachi zu kommen. Aboreachi wird scherzhaft auch "Boreachi" genannt - von borracho (betrunken sein) - wegen seines guten und bekömmlichen Maisbiers - in der Sprache der Tarahumara "Tesgüino" genannt -, das bei den häufigen Tesgüinadas reichlich genossen wird. Inzwischen ist es dunkel, der Weg kaum zu erkennen, immer wieder halten wir an, um uns zu orientieren. Sie werden uns jetzt schon hören, sagt Augusto. Mehrere Monate ist er nicht mehr in Aboreachi gewesen, und nun freut er sich auf ein Wiedersehen mit seinen Freunden. Wir erhalten letzte Tips, wie man sich auf einem Maisbierfest angemessen verhält. Da wir leider kein Tarahumara sprechen, schreiben wir uns die drei wichtigsten Worte auf einen "Überlebenszettel": kwira (oder kwiraba) ist die Begrüßungsformel, matéteraba heißt danke und mabusari ("ich bin voll", ich kann nicht mehr trinken") sagen wir, wenn wir eine Tesgüino-Pause brauchen. Die Trinkvorschriften sind auch leicht zu merken. Ein Fingerzeig sagt dem Anbietenden: Wir teilen uns diese Schale, ein anderer bedeutet: Trink du diese Schale auf ex, und ich trinke dafür zwei Schalen. Gegen zehn Uhr abend kommen wir in Aboreachi an. Im Rancho von Lola-
deren Tesgüino eines der besten sein soll - wird noch gefeiert: wir
bekommen sofort eine Schale Maisbier gereicht. Oso - der Bär - singt
traditionelle Corridos. |
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| Das Fest der Semana Santa - der Osterwoche - oder noriroachi ("im
Kreis gehen", "an einer Prozession teilnehmen") ist einer
der Höhepunkte des Jahres im religiösen Leben der Tarahumara.
Es wurde früher zum Gedenken an den Kampf und Sieg der spanischen Christen
gegen die heidnischen Mauren gefeiert und hatte seinen Ursprung in der Inszenierung
der Passion. Im 19. Jahrhundert, als die Missionare vorübergehend aus
der Sierra Madre verbannt waren, führten die Tarahumara die christlichen
Feste weiterhin aus, interpretierten sie allerdings in ihrer eigenen Tradition
um. Bei den Zeremonien sollen die Tänzer mit ihrer Anmut und Ausdauer
dem Gottvater onorúame gefallen.
In großen und kleinen Schleifen gehen wir zum nächsten Rancho: Zuerst Manuel mit der Fahne, danach die Männer und Jungen mit den Trommeln und Flöten, zum Schluß wir Frauen. Das Ritual ist in jedem Rancho gleich: Die Teilnehmer der Prozession begrüßen die Bewohner des Ranchos, feierliche Reden werden gehalten, die Fahne wird geschwenkt, man tanzt im Kreis, ißt und trinkt. Die Höflichkeit gebietet, das dargebotene Tesgüino restlos auszutrinken bevor es weitergeht - auch wenn uns das im Laufe des Tages zunehmend schwerer fällt. Uns hat man anfangs noch halbvolle Kalebassenschalen mit Maisbier angeboten - zur Eingewöhnung - jetzt sind die Schalen schon randvoll und irgendwie scheinen Die Tarahumara unser "mabusari" nicht zu verstehen. Es dämmert schon, als wir endlich an der Kirche ankommen. Mehrmals geht die Prozession durch die Kirche, auf einem großen Platz daneben wird danach der Gobernador (Gemeindevorsteher) begrüßt, viele Ansprachen werden gehalten, danach tanzen die Männer bis die Pharisäer aus den weit entfernt gelegenen Ranchos endlich ankommen. Der Kampf ist nur kurz, da die Pharisäer weit in der Überzahl sind und nur noch wenige Maueren aufgrund des vielen Maisbieres in der Lage sind zu kämpfen. Judas wird verbrannt, das Gute hat über das Böse gesiegt. Gegen Mitternacht - vor der Kirche wird immer noch gefeiert - sind wir am Ende unserer Kräfte und ziehen uns zurück. An Schlaf ist kaum zu denken, mindestens sechzig riesige Trommeln dröhnen durch das Tal. Die ganze Nacht ist durchgefeiert worden, erzählt uns Augusto am nächsten Morgen, noch sehr angeschlagen. Schon zum Frühstück wird Tesgüino gereicht, schließlich muß der reichliche Vorrat - von bis zu 250 Litern pro Familie - heute verzehrt werden. Eine "harte" Angelegenheit, die den ganzen Tag in Anspruch nimmt. Augusto wird von vielen befreundeten Familien eingeladen, Maria und ich sind Ehrengäste. Die Maisbierschalen kreisen. Ablehnen ist eine Beleidigung. Maria macht es sich einfach: Sie lächelt freundlich und schüttelt mit dem Kopf, keine weitere Diskussion, da sie kein Spanisch spricht. Nur ab und zu nippt sie ein Schlückchen. Der "Rest" ist dann für mich. Im Laufe des Tages mit steigendem Tesgüinokonsum wird die Distanz zu den Menschen immer geringer. Jetzt stellen uns auch die Frauen viele Fragen und freuen sich, wenn wir fotografieren, laden uns sogar in ihre Häuser ein, ein Bereich, der Fremden meist verschlossen bleibt. Am nächsten Morgen sind wir dann doch froh, als wir nach einem leckeren
Frühstück wieder Richtung Creel fahren, einfach nur, um uns
auszuruhen. Auch Augusto bleibt noch bis zum nächsten Tag in Creel,
bevor ihn die Arbeit nach Chihuahua ruft. Maria und ich genießen
noch zwei Tage die touristischen Attraktionen in der Umgebung - wie den
Lago Arareco und den Wasserfall von Cusásae. In Chihuahua verabschieden
wir uns von unseren Freunden, um uns in Oaxaca, am Strand von Zipolite
noch ein wenig zu erholen, bevor wir ins kalte Deutschland zurückfliegen. |
| Ellen Schriek (Text und Fotos) |