April in Chihuahua. Es ist warm, aber nicht zu heiß und sich in der Stadt zu bewegen macht Spaß. Nach zweieinhalb Jahren sind wir – Magdalena und ich – ein weiteres Mal zu Besuch bei unserer Partnerorganisation Alianza Sierra Madre. Zu unserer Freude ist die Situation nicht mehr ganz so angespannt wie bei unserem letzten Aufenthalt: Isela kann sich wieder etwas freier bewegen, braucht nur noch bei offiziellen Anlässen und natürlich beim Aufenthalt in der Sierra bewaffneten Personenschutz.

Das Team der Alianza hat sich leider verkleinert, es gibt derzeit keine Finanzierungsmöglichkeiten für einen eigenen Anwalt, weshalb die Alianza nun sehr eng mit dem CEDEHM, dem Zentrum für die Menschenrechte der Frauen zusammenarbeitet. Dort gibt es einen Stamm von Anwältinnen und Anwälten, die Menschenrechtsanliegen vertreten und eng mit der Alianza kooperieren.

Sie vertreten auch den Fall von Santa, eine Tarahumara-Frau, die nach der Ermordung ihres Ehemannes mit den Kindern aus der Sierra geflüchtet ist. Aufgrund von Rassismus und Willkür wurden ihre Kinder in staatliche Obhut genommen, weil Nachbarn sie verleumdet hatten. Diese wollten die Familie nicht im Haus haben und teilten den Behörden mit, die Mutter würde ihre Kinder vernachlässigen, ihnen Alkohol und Drogen geben und sie schlagen. Unhaltbare Anschuldigungen, um die sich nun die Anwälte kümmern müssen. Mit Hilfe der Alianza sind die Kinder inzwischen wieder bei der Mutter, die Wohnung wurde ihr aber fristlos gekündigt.

In den Räumlichkeiten von CEDEHM findet auch ein Workshop mit vertriebenen und traumatisierten Frauen aus der Sierra statt. Zwanzig Frauen – Tarahumara, Tepehuanes und Mestizinnen – treffen sich hier, um sich über ihre Situation auszutauschen und Wege zu finden, wie sie sich gegenseitig unterstützen können. Sehr emotional berichten die Frauen – vielfach unter Tränen – über ihr trostloses Leben in der Stadt, über ihre physischen und psychischen Probleme. Ich dokumentiere diesen Workshop, indem ich Fotos für die Alianza mache. Da alle Frauen unter staatlichem Schutz stehen, fotografiere ich sie nur von hinten, damit sie nicht erkannt werden. Weitere Workshops werden folgen, um den Frauen eine Anlaufstelle und ein wenig Halt zu geben.

Zum Abschluss gibt es noch ein interessantes Treffen mit einigen Mitgliedern des Beirates der Alianza, bei dem Perspektiven der Zusammenarbeit und der weiteren Unterstützung der Arbeit der Alianza diskutiert werden. Welche Möglichkeiten gibt es vor Ort? Welche Kooperationspartner können in Mexiko oder auch in Deutschland ins Boot geholt werden? Es gibt viele Ideen ….

Ellen Schriek

26.4.2024. Um die Vertriebenen zu unterstützen, hat die Alianza eine Spendenaktion unter dem Titel „Heimkehr: ein Weg der Hoffnung und Würde“ gestartet. Die Gelder werden für die Begleitung von Familien eingesetzt, die – aus ihren Gemeinden in der Sierra vertrieben – in unzumutbaren Verhältnissen in Chihuahua leben und erst einmal keine Perspektive auf die Rückkehr haben. Viele dieser Familien leben in sogenannten „refugios“, Sammelunterkünften, in denen die Lebensbedingungen katastrophal sind. Wir hatten die Gelegenheit, eine dieser abgelegenen Unterkünfte am Rande der Stadt zu besuchen. Sie liegt hinter einer hohen Mauer, die mit einer Stacheldrahtkrone abgesichert ist. Dort leben mehrere Familien auf engem Raum ohne fließendes Wasser. Die Kinder werden jeden Tag zur Schule abgeholt. Dort fühlen sie sich unwohl, weil sie von den Klassenkameraden gemieden werden. Die Erwachsenen berichten, dass alle in ständiger Angst leben. Das zugesagte Satellitentelefon für den Notfall haben sie nach drei Jahren noch nicht bekommen. Auch die Familie von Juan Carrillo, der vor fünf Jahren ermordet wurde, lebt hier. Sie berichtete uns eindringlich von dem erlebten Terror und ihrer Flucht. (Ellen Schriek)

26.4.2024. Der so genannte Amparo ist ein konstitutionelles Rechtsmittel in lateinamerikanischen Staaten. Die Alianza hat im Namen der aus der Sierra Madre Occidental vertriebenen Indigenen Klage eingereicht. Von den Behörden war festgestellt worden, dass Personen, die vor dem Terror der organisierten Kriminalität aus ihren Gemeinden fliehen mussten, einem außerordentlichen Risiko ausgesetzt sind. Ihnen wurde Schutz und Unterstützung zugesagt. Ein Richter hat nun die Behörden auf nationaler, bundesstaatlicher und kommunaler Ebene dazu verurteilt, die vereinbarten Schutzmaßnahmen auch wirklich umzusetzen, um das Überleben der Vertriebenen, ihr Recht auf Leben, persönliche Unversehrtheit, aber auch auf Gesundheit, Bildung und angemessenem Wohnraum, zu gewährleisten. (Ellen Schriek)

26.4.2024. Die Ernährungssituation hat sich aufgrund einer extremen Dürre noch verschärft. Die Ernte ist weitgehend vertrocknet. Lebensmittelspenden haben die größte Not gelindert, vor allem für Kinder und alleinlebende ältere Frauen. Agrarexperten untersuchen die Böden und erstellen Pläne für alternative Anbaumethoden und resistentere Aussaaten. Die Bewohner von Choréachi werden in vielen Workshops darin geschult, wie sie mit den veränderten klimatischen Bedingungen umgehen können. Der jahrzehntelange Rechtsstreit um die Landrechte in Choréachi ist jetzt zuungunsten der indigenen Gemeinde ausgegangen. Der Fall liegt nun bei der Interamerikanischen Menschenrechtskommission. (Ellen Schriek)

26.4.2024. Im September 2023 habe ich eine Reise nach Chihuahua unternommen und unsere Partnerorganisation Alianza Sierra Madre getroffen. Besuche in der Sierra, um die Projekte vor Ort anzusehen, sind aufgrund der aktuellen gefahrvollen Situation nicht mehr möglich. Selbst die Mitglieder der Alianza können nur in Begleitung von bewaffneten Personenschützern in die abgelegenen Orte der Sierra reisen. Also haben wir das neue Team im Büro der Alianza in Chihuahua getroffen. Zu den erfreulichen Informationen gehört, dass Isela González nach mehreren Monaten im Untergrund zurück in Chihuahua ist. Aufgrund der Risikoeinschätzung der Polizei hatte sie die Stadt für längere Zeit verlassen müssen. Mit psychologischer Unterstützung hat sie diese schwierige Zeit überstanden und so gut es geht aufgearbeitet. Zu ihrer Sicherheit hat sie nun Personenschutz an ihrer Seite. (Ellen Schriek)

EllenSchriek@korima.de
Hans-WalterSchmuhl@uni-bielefeld.de